Claudia Leweke
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ISBN 978-3-86582-298-7
Taschenbuch, 184 Seiten, 13,80 Euro
Erstauflage, Restexemplare für 10,00 Euro
versandkostenfrei direkt per Mail bestellbar
Zweitauflage im Frühjahr 2008 bei BoD


Worum geht es in diesem Buch?

Die Schwestern Hanna Kant und Elisa Abermann mussten als Kinder den Mord an ihrem Bruder durch die eigene Mutter miterleben. Ihr Fazit dieses Erlebnisses und der weiteren Erziehung durch die Tante ist, dass Männer grundsätzlich schlecht sind, wenn sie nicht von Anfang an mit aller Härte zu anständigen Menschen erzogen werden.
Coverbild Die Lavendeltoten von Claudia Leweke
Leseprobe:

Prolog
Winter 1969


Das Feuer des Kohleofens in der Küche loderte zischend auf, als es mit Papierfetzen neu entfacht wurde. Die Frau schwitzte. Sie sah in die alte Holzwiege, in der das Baby lag, das sie vor drei Wochen in dieser Küche geboren hatte. Der Mann war bereits seit Monaten fort. Hinterlassen hatte er ihr diesen Bastard und den Ekel der Erinnerungen an ihn und seine Begierden.
Das Kissen mit den Seidenborten rutschte zur Seite. Der kleine Arm sank herunter, nachdem er sich vergeblich gewehrt hatte. »Jungen machen nur Probleme - von Anfang an!« Die Frau lachte laut. Das Baby war blass. Blau schimmerte es durch die helle Kinderhaut. Es schrie nicht. Es war tot.
Die beiden kleinen Mädchen standen in der Tür. Ihre Mutter hatte gewusst, was zu tun war. Endlich. Und jetzt summte sie auch wieder dieses kleine Lied, das sie so sehr mochten.
»La-le-lu - nur der Mann im Mond schaut zu - wenn die kleinen Babies schlafen - drum schlaf auch du.«
Leise stimmten sie mit ein.
Die Mutter lächelte.


1
Samstag, 5. Februar 2005


Der Brief war endlich angekommen. Elisa Abermann hielt ihn so fest, dass er zwischen ihren verkrampften Fingern zerknüllt wurde. Mit einer fahrigen Handbewegung strich sie ihn wieder glatt. Sie stolperte die drei Treppenstufen hinauf und verschloss hastig die Tür hinter sich. Elisa steckte ihren Pullover in den Hosenbund und umschlang ihren mageren Körper mit beiden Armen. Der Brief segelte hinter ihr zu Boden. Eilig hob sie ihn wieder auf und ging ins Wohnzimmer. Eine Gänsehaut lief über ihren Rücken. Seit Tagen schon war die Heizung ausgefallen. Die Wohnung war eiskalt.
Etwas knirschte unter ihren Füßen. Vogelfutter-Körner wurden durch den Luftzug durch den Raum getragen, zerbröselten mit einem leisen Knirschen auf dem kalten PVC-Boden. Mit jedem Schritt zertrat sie weitere Körner, die nun bereits im ganzen Zimmer verteilt lagen. Der zu dem Chaos gehörende hellblaue Sittich hüpfte munter in dem kleinen Käfig umher. Die Plastikstange wackelte unter seinen Füßen. Elisa schaute das Tier vorwurfsvoll an. Irgendwann verstummte der Vogel, saß nun unbeweglich auf der Stange. Er plusterte sich auf und sein kleiner Kopf verschwand unter einem Flügel.Fast eine halbe Stunde saß Elisa beinahe unbeweglich auf dem alten Sofa. Den Brief hatte sie zuerst gierig überflogen und las ihn nun wieder und wieder, um auch die letzte Information aus ihm herauszusaugen, die er preiszugeben vermochte. Irgendwann fiel ihr Blick erneut auf den Vogel.
Sie hatte das Tier in einem schwachen Moment als Gesellen gegen ihre Einsamkeit gekauft.
Der Dreck, den er macht, ist ekelhaft! Die angefressenen Tapeten und seine Ködel auf den Schränken! Ich hätte ihn niemals aus dem Käfig herauslassen sollen. Nein - ich hätte ihn gar nicht erst kaufen dürfen! Auch dieser Vogel ist ein Mann und denen kann man nicht vertrauen! Niemals! Man sieht ja, was passiert, wenn man Männer in sein Leben lässt!
Schwerfällig erhob sie sich und ging mit steifen Schritten zu dem Käfig. Beinahe stieß sie ihn von dem niedrigen Blumentisch. Elisa fluchte leise und rieb sich ihre kalten Finger warm. Mit einer ungeschickten Bewegung öffnete sie die Tür des Vogelbauers. Der Vogel flatterte aufgeregt gegen die Gitter. Er hielt seinen Schnabel leicht geöffnet und atmete in schnellen, kurzen Zügen die eisige Luft ein und aus. Elisa steckte einen Finger durch die Gitter und berührte das kleine Tier leicht. Sie strich über seinen wild klopfenden Bauch, tastete sich vor unter den Flügel, den der Vogel anhob. Langsam stellte er seine Federn wieder auf, die er vorhin noch fest angelegt hatte, streckte der Frau seinen Körper ein wenig entgegen. Sein Köpfchen neigte sich zur Seite und ein leises brabbelndes Geräusch drang aus seiner Kehle. Elisa lächelte. Im nächsten Augenblick brach sein Flügel, als Elisas Hand das Tier blitzschnell durch die geöffnete Tür griff. Das Knirschen der winzigen Knochen hing kurz und anklagend in der Luft. Sie zog den Vogel aus dem Käfig. Der gebrochene Flügel ragte seitlich aus ihrer Hand heraus, verhakte sich in der Käfigtür und verdrehte sich. Elisa zog heftiger. Der Sittich schnatterte laut und verbiss sich in ihre Hand. Sie verstärkte den Druck noch ein wenig mehr. Sicherheitshalber.
Den Vogel noch immer umklammernd ging sie in die Küche und nahm eine der Plastiktüten aus der Schublade.
Es passen tatsächlich sehr viele Plastiktüten in die Schublade. Tante Karoline hat Recht gehabt damals. Wenn man die Dinge in Ordnung hält, hat man keine Probleme. Es ist alles in bester Ordnung bei mir und dieses dumme Federvieh wird mir das nicht verderben!
Mit einer harten Bewegung schlug Elisa den Beutel auf und warf den Vogel hinein. Er blieb am Boden liegen und starrte sie ängstlich an. Mit einer schnellen Bewegung strich sie die Luft aus der Tüte und verknotete sie. Sie öffnete das kleine Gefrierfach über dem Kühlschrank. Zwischen den Spinatpäckchen und einer Fertigpizza war noch genügend Platz. Behutsam, fast sanft legte sie das kleine Bündel auf die dick vereiste Fläche und beobachtete noch einen Moment die Bewegungen des Päckchens.
Es sieht niedlich aus.
Die Tür des Gefrierfachs schlug einem lauten Knall zu. Die Flaschen im Kühlschrank vibrierten laut.Elisa nahm den Brief von Svetlana in die Hand. Sie faltete die beiden gelben Blätter auseinander. Das Rosenmuster, das in das Briefpapier eingeprägt war, gefiel ihr.
Vielleicht gibt es ja Tapeten mit diesem Muster für das Babyzimmer. Dieses Babyblau- und Babyrosa-Getue ist nichts für meinen Schatz. Ja, zartgelbe Rosen-Tapeten gefallen mir. Sie werden leuchten wie die Sonne und mit meinem kleinen Liebling um die Wette strahlen, wenn es morgens hell wird. Wenn ich ihn nach dem Schlafen aus seinem kleinen Gitterbettchen hole, um ihn zu füttern, wird er noch ganz warm sein von der langen Nacht unter seiner kleinen Decke und sich wohlig an seine Mama schmiegen.
Mama! Ich werde die allerbeste Mama der Welt sein und auch seinen kleinen Makel bekommen wir schon hin. Fehler kann man wieder gutmachen. Ich werde ihn zurückholen und zu einem anständigen Menschen erziehen. Mutter und Tante Karoline wären stolz auf mich!
Sie war so furchtbar unvorbereitet auf ihr Baby. Als sie ohne ihr Kind nach Hause kam, hatte sie nicht die Kraft gehabt, über so etwas nachzudenken. Erst der Brief machte ihr wieder Mut. Svetlana hatte den Arzt aufgespürt, der ihren kleinen Jungen mitgenommen hatte.
Ein alter, fetter Sack mit einer gutgehenden Praxis in Grietz, der sein Geld damit verdient, Babies an wohlhabende kinderlose Menschen zu verscherbeln. Ja, das passt!
Elisa erinnerte sich vage an ihn. Sie hatte ihn nur kurz gesehen. Svetlana hatte ihr beschrieben, wo diese Stadt lag, aber Elisa wusste genau, wo das war. Sie war dort aufgewachsen, ehe sie mit zwölf Jahren in dieses Mädchen-Internat kam, in dem sie später als Hauswirtschafterin geblieben war. Ihre Schwester lebte mit ihrem Mann noch immer in ihrem Elternhaus. Oder sollte sie besser Tantenhaus sagen? Elisa grübelte einen Moment über diese Spitzfindigkeit. Ihr Vater hatte niemals dort gewohnt, sie hatte ihn nicht einmal gekannt. Und ihre Mutter musste weg, als sie selbst drei Jahre alt war.
Elisa stöhnte. Manchmal vermisste sie ihre Mutter sehr, obwohl sie sich nur undeutlich an sie erinnerte.
Mutter hätte sich über ihr erstes Enkelkind gefreut. Aber sie ist tot und begraben und auch Tante Karoline lebt nicht mehr! Jetzt zählt nur noch mein Baby!
Elisa hatte ihre große Schwester lange nicht mehr besucht. Daran war nur Wolfgang Schuld, Hannas Mann.
Elisa war ihm nur zweimal persönlich begegnet, den Rest wusste sie aus den wenigen Briefen, die Hanna ihr zu Weihnachten und zu ihrem Geburtstag schrieb. Er war nicht gut für Hanna.
Kein Mann ist gut!
Sie wollte Wolfgang noch immer nicht begegnen, aber ihr kleiner Junge war wichtiger. Sie musste ihn bald zurückholen und außer ihrer Schwester vertraute sie dort niemandem. Hanna würde sie einfach aufnehmen müssen. Wenigstens für die ersten Tage.
Wenn ich meinen kleinen Tommy doch endlich bei mir hätte!



© 2006 Claudia Leweke


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